OWL/Herford/Gütersloh. „Gott mit dir – ein Alternativangebot zum Treiben in der Welt“ wurden die Zuhörerinnen und Zuhörer der bestens besetzten Kirchen der NAK Herford und Gütersloh zu den Konzertabenden des Kammerchores der Neuapostolischen Kirche OWL durch Moderator Siegbert Möller begrüßt. Programm und Solistenauswahl ließen bereits im Vorfeld aufhorchen.
Mit der Konzertpianistin Tatiana Schuster und der Sopranistin Franziska Eberhardt war es gelungen, hochkarätige Musikerinnen für die anspruchsvollen Partien Felix Mendelssohn Bartholdys zu gewinnen.
Das antisemitische Urteil Richard Wagners über Felix Mendelssohn lautete einst, dass ein Jude wie er nicht die Fähigkeit habe, wahrhaft zu Herzen gehende Musik komponieren zu können, er sei unfähig. Man mag Qualität von musikalischen Darbietungen an unterschiedlichen Parametern messen – Chor und Solistinnen erbrachten den beeindruckenden Gegenbeweis, dass die Musik des christlich getauften und konfirmierten Juden Felix Mendelssohn wahrhaft zu Herzen geht.
Ohne Pfad in dunkler Nacht
Der Hymnus „Hör mein Bitten“ stand im Zentrum des ersten Programmteils mit der Überschrift „Vertrauen und Geborgenheit“. Franziska Eberhardts das gesamte Konzert über überzeugende Tempowahl unterstrich die gesungenen Worte. In der Begleitung durch Benjamin Falk an der Orgel wurde die tastende Unsicherheit eines auf verlassenem Pfade in dunkler Nacht Suchenden spürbar – melodisch verlassen, über Liegetönen aushaltend und den Sprechakt klar adressierend führte Eberhardt durch die anspruchsvolle Partie. Das Flehen „Hör mein Bitten, Herr neige dich zu mir“ stimmte der Chor kraftvoll, aber nicht zu mächtig an. Chor und Solistin strahlten eine positive innere Bewegung, die Mendelssohns Musik innewohnt, aus: „Oh, könnt ich fliegen wie Tauben dahin weit hinweg vor dem Feinde zu fliehn. In die Wüste eilt ich dann fort, fände Ruhe am schattigen Ort.“ Die Wüste ist der Ort, um mit Gott zu sein, ein Ort der Veränderung, ein Ort ohne Feinde. Eberhardt und Chor sangen die Phrasen in großen Bögen, Optimismus ausstrahlend, dass es möglich ist, Wege mit Gott zu gehen trotz dunkler Nacht.
Getrieben, niemals außer sich
Im zweiten Programmteil mit der Überschrift „Schutz und Zuversicht“ stand der 42. Psalm im Zentrum und Tatiana Schuster übernahm in ihrer glänzenden Begleitung diese im ersten Programmteil bereits angedeuteten Bewegungen. Sie führte Chor und Solistin symbolisch auf dem Pfad der Suche mit musikalisch kluger Artikulation der Läufe, von innerer Suche getrieben, aber nie außer sich. Spielfreude und Konzentration verbanden sich zur musikalischen Aussage. So konnte der Chor die nächste Phrase fast als rhetorische Frage fortsetzen: „Was betrübst du dich, meine Seele und bist so unruhig?“ Nach Betrübtheit und einem Fragen nach Gott wurde die Fuge „Preis sei dir Gott“ zum krönenden Abschluss des zweiten Teils – Pianistin, Solistin und Chor trugen engagiert, mit einem inneren Beteiligtsein diese Freude und Anempfehlung an Gott vor. Tatiana Schuster führte beeindruckend mit Roland Scholz den Chor.
Gottes Wahrheit in der Angst der Welt
Franziska Eberhardt und Benjamin Falk leiteten den dritten Teil des Abends mit der Arie „Sei stille dem Herrn“ aus dem Oratorium „Elias“ ein. Eberhardt und Falk ließen die Melodik und Harmonien Mendelssohns für sich sprechen und überzeugten durch einen unaufgeregten und musikalisch äußerst präzisen Vortrag. Die dann folgenden drei geistlichen Lieder Mendelssohns waren weit mehr als ein Versuch einer Selbstüberzeugung. „Soll mein Sorgen ewig dauern? […] Willst gedenken du der Sünde – nimmermehr kann ich bestehn.“ Chor, Solistin und Organist boten vielmehr einen positiv optimistischen Abschluss des Konzertes, indem die Allmacht Gottes als Gnade und nötige Motivation besungen wurden. Der Zeitgenosse Mendelssohns, Lobe, beschreibt Mendelssohns Duktus des Komponierens als ein „konsequentes Weitergehen auf der vorhandenen Bahn.“ Die Musiker des Abends trugen in dem klug gewählten Programm Mendelssohns breites Panorama an Kompositionen, außer Oper hatte Mendelssohn alle Genres bedient, diesem Urteil Rechnung und die stehenden Ovationen bestätigten Programmkonzeption und Vortrag.
Für ein Jahr, in dem weltpolitisch nichts gewiss ist und das höchste Anforderungen an Kirche und Seelsorge stellt, was sogar Angst machen kann, hatte der Kammerchor OWL mit seinen musikalischen Partnern eine starke Botschaft: Der Angst in der Welt ist allein Gottes Wahrheit entgegenzusetzen – an diesen Abenden beides in Tongestalt Mendelssohns.
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