Vlotho. „Wir alle, ob schuldig oder nicht, ob alt oder jung, müssen die Vergangenheit annehmen. Wir alle sind von Ihren Folgen betroffen und für sie in Haftung genommen. (Richard von Weizsäcker) – Zur Erinnerung an die am 10.11.1938 zerstörte Synagoge, zum Gedenken an die Verfolgung und Vernichtung auch der Vlothoer Juden durch die Hitlerdiktatur.“ Diese Inschrift ist zu lesen auf der Tafel des Gedenksteins am ehemaligen Standort der Vlothoer Synagoge, des heutigen Wesercenters.
Im Hinblick auf den Sonntag zum Gedenken an die Verstorbenen, der in der Neuapostolischen Kirche drei Mal im Jahr gefeiert wird, bot sich die Gelegenheit eine Stadtführung zum Thema „Jüdisches Leben in Vlotho“ zu organisieren. Etliche Gemeindemitglieder nahmen dieses Angebot wahr. In eindrücklicher Weise berichtete Gästeführerin Elisabeth Petzholdt über das Leben der jüdischen Familien in Vlotho.
Jüdisches Leben in Vlotho
Bereits Ende des 17. Jahrhunderts lebten die ersten wenigen Schutzjuden in Vlotho, ein 1690 ausgestellter Schutzbrief für den Juden Israel Spanier ist die älteste bekannte schriftliche Dokumentation.
Die ersten Vlothoer Juden waren Viehhändler und Schlächter, später waren sie auch mit dem Lein- und Garnhandel aktiv. Sie verkauften den aus dem Baltikum eingeführten Leinsamen an die Landbevölkerung, kauften das gesponnene Garn wieder auf, um es an Webereien zu liefern.
Die sich im 18. Jahrhundert gebildete Gemeinde hielt ihre Gottesdienste zunächst in einem privaten Betraum an der Langen Straße ab. 1850/1851 ließ die Gemeinde dann auf dem Gelände des bereits bestehenden jüdischen Schulhauses in der Langen Straße 66 einen Synagogenneubau errichten. Dort gab es 68 Sitze mit Pulten für die Männer und 44 Plätze auf der Empore für die Frauen.
Die Juden Vlothos wohnten an der Langen Straße und den unmittelbar angrenzenden Straßenzügen. Das größte Geschäft im Ort besaß Max Rüdenberg bzw. die Gebrüder Rüdenberg, zweitgrößtes Bekleidungsfachgeschäft war das Kaufhaus Loeb direkt am Kirchplatz. Der einzige Industriebetrieb im jüdischen Familienbesitz im Amt Vlotho war die Papierfabrik der Gebrüder Mosheim am Bonneberg, in der bis zu 35 Arbeiter beschäftigt waren.
Stolpersteine
Stolpersteine auch in Vlotho, von Gunter Demnig installiert, erinnern an die jüdischen Familien und ihre Schicksale. An einigen dieser Stolpersteine machte die Gruppe halt, um einen Moment innezuhalten und sich mit dem Leben und Leid der hier einst beheimateten Menschen zu beschäftigen.
Enteignung und Deportation
In den Morgenstunden des 10. November 1938 wurde die Vlothoer Synagoge zerstört. Türen und Fenster wurden zertrümmert, ein Teil des Dachstuhls zerstört, die Frauenempore und die Saaldecke abgebrochen und die Inneneinrichtung niedergerissen. Die wertvollen Kultgegenstände fielen den Tätern in die Hände und gelten seitdem als verschollen, einzig eine Thora-Rolle ist wieder aufgetaucht.
Wohnungen jüdischer Familien wurden demoliert, auch das letzte jüdische Geschäft am Ort – Kaufhaus Loeb – war von SA-Angehörigen überfallen worden und die Inneneinrichtung wurde zerstört, die Waren herausgeschleppt und auf den Kirchplatz geworfen.
Einige Vlothoer Juden wurden festgenommen und dem KZ Buchenwald überstellt.
Ab 1939 wurden die noch in Vlotho verbliebenen jüdischen Einwohner zwangsweise in sogenannte „Judenhäuser“ einquartiert, vor allem in der Langen Straße 81 und 83.
1941/1942 wurden 25 Personen über das Sammellager „Kyffhäuser“ in Bielefeld „in den Osten umgesiedelt“ und zwar nach Riga (Dezember 1941), ins Warschauer Ghetto (März 1942) und ins „Altersghetto“ Theresienstadt im Juli 1942.
43 jüdische Einwohner Vlothos sind während der NS-Zeit gewaltsam ums Leben gekommen, von den Deportierten kehrten nur zwei zurück.
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